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XII. Azawakh-Expedition 2002 Ein Reisebericht von Dr.W.Röder
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Der Expeditionsbericht 2002 |
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Die 12.Azawakh-Expedition vom 17 Januar bis 7.Februar 2002 führte von der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou wie immer zunächst in die A.B.I.S.- Projektregion im Sahel-Departement Tin Akoff.//LINK ZU PROJEKTE// Die anschließende Erkundungsfahrt in weitere Azawakh-Lebensräume ging diesmal nach Norden durch die Gourmasavanne in Mali, ein altes Wanderungsgebiet der Oullimiden-Tuareg. Nach der Überquerung des Nigerflusses bei Gourma Rharous folgte von Timbuktu aus ein Vorstoß in die Sahara auf der historischen Salzkarawanenroute in Richtung Araouane. Der Rückweg führte mittels GPS-Navigation an Nomadenbrunnen entlang bis Bourem am Nigerknie und dann weiter über Gao und In Tillit in das A.B.I.S.->Basislager< von Tin Akoff.
Die Expedition sollte vor allem Erkenntnisse zur Azawakh-Population nördlich der Linie Hombori-Gao und jenseits des Niger erbringen. Im Anschluß an die phänotypische Protokollie- rung und deren statistische Auswertung bei den bisherigen Reisen wurden in Zusammenarbeit mit dem Royal Institute of Technology in Stockholm erstmals DNA-Proben von Azawakhs im Ursprungsgebiet erhoben. Sie sollen künftige Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der Rasse ermöglichen.
Teilnehmer der 12.ABIS-Expedition waren Christiane Markgraf, Berlin, Christiane Thier-Rostaing, Berlin, Elisabeth Naumann, München, Gerhard Hanss, Neustadt, Lutz Vollweiler, Lauf a.d.Pegnitz, und Werner Röder, München. Ayad ag Inachanan hat wie immer die Expedition ab Tin Akoff begleitet, die beiden Mercedes - Geländefahrzeuge wurden von den bereits ABIS-erprobten afrikanischen Fahrern Bila und Jacouba gesteuert, die auch für die Automechanik und die Lagerküche zuständig waren. Das Expeditionsteam bestand somit aus neun Personen, die jeweils verschiedene Funktionen verantwortlich übernommen hatten; hinzu kamen streckenweise örtliche Führer, die uns quer durch den Busch den Weg zu entlegenen Nomadenlagern und ihren Azawakhs wiesen. Die Expedition hat etwa 2.500 Fahrkilometer auf größtenteils unwegsamem Gelände - Dornbuschsavanne, Sand- und Steinwüste - zurückgelegt.
Der 11.September 2001 hat auch in unsere Expeditionspläne eingegriffen. Es war zwar bald abgeklärt, daß unsere Zielgebiete nach wie vor von extremistischen Gefährdungen frei waren, aber der Zusammenbruch der Sabena und die >feindliche Übernahme< von Air Afrique durch die französische Staatslinie veränderten die Flugkonditionen recht empfindlich: Der neue Westafrika-Monopolist Air France hat uns nicht nur höhere Flugpreise abverlangt, sondern auch das Limit für humanitäres Freigepäck drastisch gesenkt. Wir haben es trotzdem geschafft, einen großen Teil der gesammelten Hilfsgüter, vor allem Arzneimittel und eine gespendete Gaskühlbox zur Aufbewahrung der Tollwutimpfstoffe im Projektzentrum Tin Akoff, mit nach Afrika zu nehmen, und einiges in Postpaketen nach Ouagadougou vorauszuschicken. Allerdings und leider mit höheren Spesen als bisher. Auch das vor zwei Jahren zur Erleichterung von Entwicklungshilfe eingerichtete Sonder-Zollbüro in Ouaga, dem wir im voraus die mühsam zu erstellende Inventarlisten zuleiten müssen, hat erstmals >Gebührnisse< für die medizinische Hilfe eingefordert. Andererseits schreitet die Entbürokratisierung der Reisebedingungen in Burkina Faso und Mali weiter voran: Ein Großteil der Kontrollstationen von Polizei und Gendarmerie an den Straßen und in den Ortschaften ist mittlerweile aufgehoben (somit auch manche Veranlassung zu kleinen Schmiergeldzahlun- gen) und die Grenzübertritte sind spürbar einfacher geworden. In der Oudalanprovinz haben es die ABIS-Gruppen mit ihren >Visa de Cooperation< im Paß und der amtlichen Anerkennung als Hilfsorganisation in dieser Hinsicht besonders leicht.
Die Umstellung auf den Euro hat hat keinerlei Probleme mit sich gebracht. Die neue Währung wird ebenso wie früher der Französische Franc in den Städten als Zahlungsmittel akzeptiert und der Libanese im Marina-Supermarket in Ouaga tauscht anstandslos auch größere Euro-Beträge kursgenau in einheimische CFA um.
Die ABIS-Leute sind mit etwas gemischten Erwartungen am 18.Januar von Ouaga nach Tin Akoff aufgebrochen: Eine schon vertraute Fahrt - erst auf der Asphaltstraße, dann über die rote Wellblechpiste und schließlich auf sandigen Spuren durch den Busch, mit dem ersten Nachtlager in den Hügeln hinter Kaya und Stationen in Dori und Gorom Gorom, dem nördlichsten Stützpunkt europäischer Entwicklungshelfer. Und mit den stets aufs Neue faszinierenden Eindrücken vom afrikanischen Leben entlang des Wegs und der urwüchsigen Landschaft des Sahel. Was uns aber immer wieder in den Sinn kam, war die Frage, in welchem Zustand wir >unsere< Leute mit ihren Azawakhs vorfinden würden, nachdem uns im vergangenen Sommer der Notruf nach Nahrungsmittelhilfe erreicht hatte und auch die letzte Regenzeit eher ungünstig ausgefallen war. Der fast ganz ausgetrocknete See bei Dori schien uns ein bedenkliches Vorzeichen zu sein ebenso wie leere Weideflächen, deren Grasnarbe bis auf die abgestorbenen Wurzeln verbraucht war. Um es vorwegzunehmen: Die Region am Beli hatte es mit der vergangenen Regenzeit etwas besser getroffen und der dortige Flußabschnitt führte noch reichlich Wasser. Das von ABIS gegründete Hirsemagazin und die Getreidespende vom vergangenen Jahr hatten nicht zuletzt dazu beigetragen, daß die Menschen in und um Tin Akoff die Versorgungskrise einigermaßen überstanden haben, was man uns auch auf der Präfektur und im Hochkommissariat der Provinz dankbar bestätigte. Der Azawakhbestand in der Oase und ihrem näheren Umfeld erschien annähernd unverändert und die Tiere waren mit wenigen Ausnahmen in gutem Zustand. Letzteres gilt auch für später besuchte Azawakh-Habitate am jenseitigen Beli-Ufer und
in der östlichen Gourma . Bedeutungsvoll war freilich die erheblich gesunkene Zahl der insgesamt auf dieser Reise registrierten Azawakhs und Azawakhwürfe sowie der auffällig geringe Anteil von Hündinnen: In Knappheitsperioden überleben nur die stärksten oder umständehalber begünstigten Exemplare und die Besitzer selektieren noch mehr im Sinne eines rigoros begrenzten männlichen Nachwuchses zum Schutz von Herden und Lager, um der Belastung durch baldige neue Würfe aus dem Weg zu gehen.
In Tin Akoff ist das Areal des ABIS-Hirsemagazins inzwischen zu einem richtigen Campement geworden, in dessen ummauertem Innenhof unsere Zelte und Fahrzeuge einen sicheren und ungestörten Platz fanden. Ayad ag Inachanan hat das ursprüngliche Lagergebäude durch einen weiteren Magazinraum, einen Anbau für die Tamaschekschule, ein kleines Schlafhaus und zwei mannshoch ummauerte Gevierte als Toilette und Waschgelegenheit ergänzt. Schattenspendende Bäume, zwei traditionelle Touaregzelte und ein mit frischem Brunnenwasser aufgefülltes Faß ergänzen die für sahelische Verhältnisse ganz ungewöhnlichen Annehmlichkeiten. Finanziert werden diese Neuerungen durch Überschüsse bei der Abgabe von Hirse, Sorghum, Reis und Tee und Erlösen aus dem Beli-Garten ; neuerdings hält Ayad sogar einen Vorrat an Zweitaktgemisch bereit, mit dem die >Motos< von Präfektur, Polizeiposten und Veterinärstation an Ort und Stelle, also ohne die beschwerliche und teure Fahrt zum Treibstoffhändler in Markoy versorgt werden können.
Noch ist ganz offen, ob und wann das Campement von Sahel-Touristen >entdeckt< werden wird und dann etwas Geld für Dienstleistungen unter die Leute bringen könnte. Vorerst ist es immerhin Beispiel und Anreiz, daß sich auch in einer so extrem unterentwickelten Region // LINK ZUM BERICHT DES EHEM. PRÄFEKTEN ÜBER DAS DEPARTEMENT // mit einem Anschub von außen persönliche Initiative und Leistungsbereitschaft entwickeln können.
Nach der vorläufigen Unterbringung der Hilfsgüter im Magazin und der Einweisung in die Bedienung der neuen Kühlbox für die Impfstoffvorräte hat sich die Expedition am 20.Januar in Richtung Maligrenze aufgemacht und von jetzt an mit Ayads Hilfe auf ihrem Weg die Nomadenlager im Busch aufgesucht. Neben der Dokumentation der Azawakhs und der Sammlung von genetischen Proben gehörte zu diesen Kontakten wie in jedem Jahr die Versorgung von Kranken und Verletzten.
Auf der Pistenspur über N'daki erreichten wir am 22.Januar die Straßenverbindung Hombori - Gao und den malischen Grenz- und Zollposten Gossi. Auf der einsamen Piste nach Gourma Rharus tags darauf kündigte sich schon die Sahara mit zunehmenden Dünenformationen und dem ersten Einsatz der Sandbleche an.
Das Zusammentreffen mit Azawakhs war selten geworden, nachdem wir das Einzugsgebiet des Beli mit seinen Bella- und Peulsiedlungen verlassen hatten. Das sollte sich auch erst bei unserer Rückfahrt durch die östliche Gourmasavanne auf dem Weg über Dorey und In Tillit wieder ändern. Für die >moderne< Touareg-Generation, etwa in der wirtschaftlich offenbar gut situierten Ansiedlung Ebingualene, scheint die Azawakhhaltung als nicht mehr zeitgemäß zu gelten. >Hunde haben doch nur die Bellas< war dort eine etwas abschätzige Auskunft mit Blick auf die ehemaligen schwarzen Leibeigenen. Ein Kommentar, der die Annahme unterstützt, daß in der traditionellen Touareggesell-
schaft die Herrenschicht nur am gelegentlichen Jagdsport mit Windhunden Interesse hatte, die eigentlichen Hundehalter aber seit eh und je die >Ziegenleute< der Touareg gewesen sind, die dieses Erbe auch in die Gegenwart herübergerettet haben. Hinzu kommt, daß beim Übergang der Savanne zur ariden Wüste im Norden die Viehwirtschaft von der Dromedarzucht bestimmt ist, die in den Händen von Touaregs und Mauren liegt. Da die Kamele durch nächtliches Raubzeug nicht gefährdet sind, tritt auch der Gebrauchswert des Azawakhs als Bewacher der Herden zurück. Der nach Westen hin, in Richtung Timbuktu, zunehmende islamische und maurische Einfluß dürfte auch ein Grund für die deutliche Ausdünnung der Hundepopulation sein. Lediglich bei den Fischern entlang des Nigerufers haben wir Azawakhs in nennenswerter Zahl angetroffen; wohl auch, weil ihre Ernährung mit Fischereiabfällen für die Besitzer unproblematisch und willkommen ist.
Timbuktu, das wir am 24.Januar erreicht haben, wirkt Dank seiner Geschichte, seiner Lehmarchitektur und seiner islamischen Stätten zumindest für den Erstbesucher immer noch faszinierend. Trotz dieser Eindrücke hat wohl bei sämtlichen Teilnehmern nach dem kulturellen Sightseeing und dem Luxus eines Restaurantessens im >Hotel Bouctou< die Faszination des freien Lebens im Busch schnell wieder die Oberhand gewonnen: Für alle enervierend war inzwischen die hartnäckige Geschäftstüchtigkeit von Touareghändlern, die sich schon längst auf die Erwartungsklischees der von Bamako her anreisenden Touristen eingestellt haben. Der Troß des Bundespräsidenten - Johannes Rau sollte tags darauf zu Besuch kommen - erinnerte in seiner fleckenlosen Tropenmode überdies an eine Welt, die uns nach einer Woche des intensiven Kontakts mit Land und Leuten des Sahel schon ziemlich entrückt war. Jedenfalls schienen alle recht glücklich, als wir am späteren Nachmittag durch tiefen Sand auf den Düneneinstieg zur Salzkarawanenroute nach Daoudenni zusteuerten. Vor Sonnenuntergang bot sich uns das phantastische Bild einer aus Daoudenni zurückkehrenden Salzkarawane, die mit 50 schwer beladenen Kamelen nach Timbuktu unterwegs war.
Der Streckenabschnitt bis Araouane gilt als besonders schwierig. Bei den Einheimischen hat unsere Route später respektvolles Erstaunen ausgelöst. Ein eindrucksvoll illustrierter Bericht über eine solche Fahrt war übrigens im Märzheft 2002 von GEO zu lesen. Natürlich wird auch versucht, den abenteuerlichen Ruf dieser Piste auszubeuten: Im ehemaligen Touareg-Flüchtlingslager am Brunnen Douaya haben einige recht zweifelhafte Gestalten versucht, uns mit allen Mitteln einen angeblich dünenkundigen Guide für das sagenhafte Honorar von 300 Euro aufzudrängen. Wir haben diese >Verhandlungsbasis< rundweg abgeschlagen und unseren Weg über die Dünen mit Sandblechen und harter Fahrpraxis allein geschafft. Nicht zuletzt wegen der Möglichkeit, daß in dieser Gegend ein Führer recht leicht räuberischen Gruppen in die Hände arbeiten kann. Zwischenfälle solcher Art sind in den Sahel- und Sahararegionen nie auszuschließen. Dieses Risiko reduzieren wir durch die besondere Art der ABIS-Expeditionen: Ältere, vom langen Gebrauch im Gelände gekennzeichnete Fahrzeuge mit afrikanischen Nummernschildern und einheimischen Chauffeuren und natürlich Ayad ag Inachanan, der die Sprache und Gebräuche der Menschen kennt und deren Verhaltensweisen einschätzen kann. Interessant war hier auf der Rückfahrt zum Beispiel die Begegnung mit einem sehr ungewöhnlichen Kamelreitertrio, das über einen Hügel auf uns zugesprengt kam: ein bewaffneter Maure, ein Touaregschmied und ein Bella, die sich offenbar ein nicht ganz freiwilliges >Geschäft< mit europäischen Touristen erhofft hatten. Nach einem Diskurs mit Ayad und ein paar unbefangenen Fotoaufnahmen unsererseits sind sie unter den üblichen Segenswünschen, aber mit sehr deutlicher Enttäuschung abgezogen.
Die Saharafahrt vom 25.bis 28.Januar war für die meisten Expeditionsteilnehmer ein neues und für alle ein höchst faszinierendes Erlebnis.
// GPS-Karte von Lutz //
Zitate aus dem Reisetagebuch von Elisabeth:
>Es war sehr kräftezehrend für unsere Fahrer. Zum einen immer hochkonzentriert auf den Untergrund achten, und zum anderen - wenn auch mit unserer Hilfe - beim Steckenbleiben im weichen Sand die Autoreifen freischaufeln, Sandbleche unterlegen, wegfahren, zurücklaufen und die Sandbleche holen. An diesen Tag ist zuerst Bila immer wieder steckengeblieben, weil Jakouba überlegter fuhr. Bis auch die Konzentration bei Jakouba nachließ. Insgesamt ist an diesem Tag der erste Wagen zehn Mal hängengeblieben und der zweite hat gegen Abend nachgezogen.
Wir haben an diesem Tag früher Feierabend gemacht, beim Abladen geholfen und nur Fertigknödel mit Soße auf den Speiseplan gesetzt. Die Fahrer waren dankbar, daß sie nicht noch groß kochen sollten, und haben sich auch früh schlafen gelegt. Das Camp lag notgedrungen nicht weit von der "Piste", deren Fahrspuren in dieser Gegend oft mehrere hundert Meter breit sind durch die Versuche der Autos, einen möglichst günstigen Weg über die Dünen zu finden...
Um 6.00 Uhr Aufstehen, Frühstücken und Packen. An diesem Morgen hatten wir die kälteste Nacht hinter uns. Das Thermometer zeigte 5 Grad Celsius. Beim Frühstück sind die heißen Getränke schnell abgekühlt und wir saßen in dicken Sachen am Tisch.
Um neun Uhr auf der Piste. Vormittags haben wir unsere Karawane getroffen, die auf dem Rückweg nach Daoudenni war. Sie hatte Hirsesäcke geladen. Der Führer saß jetzt auf dem Kamel.
Der Höhepunkt an diesem Tag war der Ausblick auf ein Tal: Nachdem wir stundenlang durch Dünen gefahren waren, bot sich auf einem Dünenkamm eine grandiose Sicht auf ein kilometerlanges Tal, in dem sich fünf Brunnen befanden. An einigen wurden Kamele, Ziegen und Esel aus Ledersäcken getränkte, die man mit Zugtieren über Holzrollen aus großer Tiefe heraufholte.
Wir haben Wüstenfüchse und eine Dorkasgazelle gesehen. Im Laufe des Tages war das Terrain flacher geworden, die karge Vegetation nahm noch mehr ab und der Untergrund wurde fester. Mittagessen gab es im Stehen, weil ein "leichter Wüstenwind" ging. Dann Weiterfahrt bei zunehmendem Staubsturm. Die Teilnehmer stiegen ab und zu aus den Wagen, um nach vorgeschichtlichen Steinwerkzeugen zu suchen. Auf der Fahrt mumifizierte Kamelkadaver gesehen. Zweite Nacht in der Wüste.
Beim Frühstück wurde der Tagesplan anhand der Kartenblätter und GPS-Daten besprochen. Es stellte sich heraus, daß wir nicht mehr genügend Diesel in den Reservekanistern hatten, um noch bis ganz nach Araouane und zurück zu einem Treibstoffdepot am Niger zu kommen. Die Dünenpassagen hatten den Dieselverbrauch auf 35 Liter pro 100 km steigen lassen. Ein eiserner Grundsatz in der Wüste ist, mit den vorhandenen Wasser- und Treibstoffvorräten immer noch zurück zu einem sicheren Stützpunkt zu kommen. Deswegen wurde die Route abgekürzt und mit Hilfe von GPS nach Südosten quer durch die flache Kieswüste (Serir) gelegt, um auf jeden Fall die Piste Timbuktu - Gao zu erreichen.
Auf diesen Abschnitt durfte ich wieder ans Steuer. Ein Glück, daß ich nicht die Richtung bestimmen musste. Da es keine Orientierungshilfen gab, hatte ich immer das Gefühl, nach rechts zu fahren und zum Schluss wusste ich nicht mehr, in welcher Himmelsrichtung ich überhaupt unterwegs war.
Ein Erlebnis der besonderen Art war wie immer die Technik der Autos. Als wir ziemlich schnell gefahren sind, stoppte Jakouba plötzlich den Motor. Es stellte sich heraus, daß der Gashebelzug gerissen war. Unser Mechaniker Bila ist gekommen und hat sich das ganze mit angeschaut. Beide wussten im ersten Moment keinen Rat. Aber anders als in Deutschland, wo wir den ADAC hätten anrufen können, ist in Afrika Kreativität gefragt. Die Fahrer haben sich mit einem Stück Gummiband aus meiner Hose beholfen, das bis zum Schluss der Reise als Ersatz für die verlorene Stahlfeder am Vergaser funktioniert hat.
Mit GPS sind wir schließlich an den letzten Nomadenbrunnen gekommen und hatten dann nur noch 50 km nach Bourem. Erst jetzt wurde der aufgesparte Reservekanister auf die zwei Autos verteilt. Die letzte halbe Stunde leuchtete die Tankanzeige und Gott sei Dank haben wir es bis vor das Tor des Treibstoffverkäufers am Nigerhafen von Bourem geschafft. Den Fahrern sind gleich mehrere Steine von Herzen gefallen. Zum einen hatten sie "die Gegend, in der der Tod wohnt" überlebt und sie waren darüber hinaus den Djinnis entkommen, die in der Wüste nächtens ihr Unwesen treiben. Sie haben es nicht verstanden, wie ein Mensch freiwillig durch die Wüste fahren kann. Die Europäer sind ja verrückt... Ayad meinte auch, daß er nur mit ABIS auf solche Reisen gehen wollen.
Auch im Jahr 2002 bleibt die Sahara eine in sich verschlossene Welt, die keinen Irrtum, kein Pech, keine Nachlässigkeit verzeiht. Sie ist eine ständige Bewährungsprobe. Selbst der Vorteil, sie im Geländewagen befahren zu können, birgt Risiken in sich. Vor allem das der Selbsttäuschung: Tempo und relativer Komfort im Schatten eines Wagendaches lassen eine Illusion von Sicherheit entstehen. Und die gibt es eben nicht. Nur eine scheinbar lächerliche Panne - und die Sahara kann sich in ihrer zweiten Seite zeigen, die sie schon immer hatte: als schlimmster Feind. Auch wenn sie ansonsten das Faszinierendste ist, das man erleben kann.
Am 29.Januar erreichten wir entlang des Nigerbogens das ehemalige Transsahara-Zentrum Gao und beim Dunkelwerden wieder die Gourma-Savanne. Die späte Sonderfahrt mit der Fähre für einen lebhaft ausgehandelten Bakschisch-Preis war notwendig geworden, weil in der Stadt drei gebrochene Radbolzen geschweißt werden mußten - solche Aktionen brauchen stets mindestens das Doppelte der als eigentlich notwendig erachteten Zeit...
Mit der Fahrt über Dorey und die malische Grenzstation In Tillit war die Expedition wieder im >Azawakh-Land< bei den viehzüchtenden Peul-, Bella- und Touareg-Nomaden angekommen. Letztere sind in größerer Zahl aus den Flüchtlingslagern in ihre Weidegründe zurückgekehrt, erkennbar an den farbigen Segeltuchplanen, mit denen sie ihre Lederzelte drapiert haben. Für die >Azawakhforscher< und für die >Sanitätsgruppe< der Expedition waren erneut rege Aktivitäten bei zahlreichen Aufenthalten in den Camps angesagt. Ein Höhepunkt war zweifellos der Besuch bei einem Bella-Jäger im entlegenen Busch, der mit erkennbarer Zuneigung eine harmonische Meute von zehn (!) gut gehaltenen, typvollen Azawakhs - Rüden und Hündinnen - hält. Bis zu unserer Ankunft im ABIS->Basislager< Tin Akoff am 1.Februar konnten wir mit einiger Befriedigung feststellen, daß die Rasse in der östlichen Gourma und in der Beliregion trotz aller Gefährdung noch erhebliche Überlebens-kraft beweist.
Die 12.Azawakh-Expedition konnte zum ersten Mal keinen Auftrag für einen afrikanischen Import aus Europa mitnehmen. Aber eine >Adoption< hat es auch diesmal gegeben, wie man in einem Beitrag von
Elisabeth Naumann nachlesen kann.
Die Zeit bis zum 3.Februar war - neben einer Erholungspause im Campement und zahlreichen privaten und offiziellen Kontakten vor Ort - den ABIS-Projekten gewidmet. Von den Azawakhs der Ayad-Sippe sind die Teilnehmer seit Anbeginn als Familienmitglieder akzeptiert worden. Zeitweise herrschte ein buntes Leben in unserer kleinen Karawanserei mit neugierigen Besuchern, staunenden Kindern, Bittstellern, heilsuchenden Kranken, Würdenträgern und offiziellen Abordnungen, den Frauen der Handarbeitskooperative mit ihren traditionellen Lederarbeiten und Stickereien, Musikanten, lagernden Kamelen, naschhaften Ziegen und Azawakhs jedweder Altersklasse.
Am 4.Februar begann die Heimreise mit dem Besuch des wohl prächtigsten Sahelmarkts in Markoy, einem Abend am Lagerfeuer unseres alten Freundes Manafi, des Touareg-Marabuts in Zigaiberi, und mit einem offiziellen Termin beim Hochkommissar der Provinz Oudalan in Gorom Gorom. Am 8.Februar landeten wir nach dem wie üblich quälenden Flug in der Nachtmaschine von Ouagadougou nach Paris im grauen Regennebel Europas - mit insgesamt erfreulichen Ergebnissen und schönen Erinnerungen an eine harmonische und ereignisvolle 12.Azawakh-Expedition.
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